Alemannischer Literaturpreis an Martin Walser verliehen

Waldshut-Tiengen (hüf). Eigentlich hätte er vorgewarnt sein müssen. Schon seine Frankfurter Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels brachte Martin Walser 1998 herbe Kritik ein. Mit seinem bisher noch unveröffentlichten Roman »Tod eines Kritikers« werden erneut Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihn erhoben.
In Waldshut-Tiengen präsentierte sich ein überraschter Autor, der sich bestätigt fühlt in seiner Kritik an der Machtausübung in Zeiten des Fernsehens. Überrascht war auch der Oberbürgermeister der Kreisstadt, als er wenige Tage vor der Verleihung des Alemannischen Literaturpreises plötzlich rechtfertigen musste, warum der Autor als würdig dafür befunden wurde: »Walser hat den Alemannischen Literaturpreis verdient - Punkt«! tönte Martin Albers kernig. Die meisten Zuhörer quittierten es dem OB dankbar mit Applaus. Von der FAZ und dem Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki will man sich jedenfalls im tiefsten Alemannien nicht vorschreiben lassen, was man dort zu denken hat. Mit Walser hat man nun einen Prominenten, der die Region im europäischen Konzert vertritt.
Und Walser fühlt sich der Mühe enthoben, eine Dankesrede für den mit 10 000 Euro dotierten Preis zu halten. Eine Fortsetzung der Interviews der vergangenen Tage will er, und so beginnt ein Frage- und Antwortspiel, das wiedergibt, was am Vortag bereits publiziert war. Den inkriminierten Artikel aus der FAZ von Frank Schirrmacher kennt er wohl auswendig. Dass er prüft, dagegen nun juristisch vorzugehen, erfährt das über 300 Köpfe zählende Auditorium am Hochrhein. Von goebbelscher Praxis ist die Rede, und dass die Republik darauf gewartet habe. »Ich habe noch niemals eine solche - häh - Herabsetzungslust erlebt«, meint Walser.
Dass in seinem Roman nicht einmal eine Person ermordet wird, die Geschichte gar als Komödie zu verstehen sei, hätten die Kritiker anscheinend übersehen. Es sei schon komisch in Deutschland, stellt der Autor fest und fragt: Ist es etwas anderes, wenn ein Jude oder ein anderer Mensch umgebracht wird? Er habe zwar versucht, »dieses Thema so klein wie möglich zu halten«, doch ganz ausschalten habe er es dann doch nicht können, sonst wäre auch der Vorwurf des Antisemitismus gekommen.
Wenn jetzt von Reich-Ranicki auch noch die Forderung kommt, das Buch zurück zu ziehen, dann ist das für Walser nachvollziehbar: »Das verstehe ich; Er ist so an Machtausübung interessiert. Warum sollte er diese Gelegenheit auslassen«? Befürchtungen, sein Verleger werde abspringen, hat er nicht »Ich würde schon einen Verlag finden«, ist sich Walser sicher. Dennoch ist er sich sicher, dass die Autoren nicht die tonangebenden in dem Gewerbe sind, sondern die Medien, die das Maß vorgeben. Spätestens mit dem Fernsehen, als das Reden in die Literaturkritik Einzug hielt, so die Beobachtung von Walser, muss wohl sein Wunsch gereift sein, sich mit dem »Tod eines Kritikers« die Wirklichkeit erträglicher zu gestalten.

Schwarzwälder Bote 06.2002
Martin Walser in Waldshut
Martin Walser in Waldshut
Verleihung Alemannischer Literaturpreis 2002
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