Waldshut-Tiengen (hüf). Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel besucht am 9. November den Hochrhein. Einer der Programmpunkte des Landeschefs wird die Einweihung eines Mahnmals auf dem jüdischen Friedhof in Tiengen sein. Dass 61 Jahre nach der »Reichskristallnacht« oder »Pogromnacht« solch ein Ereignis den Spitzenpolitiker aus Stuttgart nach Waldshut-Tiengen führt, hängt mit der Besonderheit zusammen, die in der Geschichte dieses Denkmals liegt. Die Schändung der jüdischen Gebetshäuser war 1938 gerade vorbei, die über 40 Juden des Hochrheinstädtchens Tiengen zumeist inhaftiert, ins Konzentrationslager verschleppt oder eingeschüchtert, ihre Geschäfte und Wohnungen demoliert, die Synagoge geschändet, da macht sich ein Bauer aus dem Ort munter ans Werk. Mit seinen Pferden ist er zum »Judenfriedhof« unterwegs, der ein gutes Stück außerhalb liegt. Die Grabsteine dort sind teilweise 150 Jahre alt, doch das ist dem Bauern egal. Er legt eine Kette um den ersten Stein, treibt seine Pferde an, wiederholt das ganze, bis der Friedhof einem Trümmerfeld gleicht. Da gerade am Bahndamm oberhalb der Stadt eine Stützmauer gebaut wird, kommt ein findiger Kopf im Rathaus auf die Idee, die behauenen Steine vom Friedhof dafür zu verwenden. In die Grabsteine eingelassene Namenstafeln werden zerschlagen, die meisten hebräischen Inschriften nach hinten gekehrt, aber das nützt nichts. Spielende Kinder entdecken trotzdem die fremden Zeichen. Als »Klagemauer« überdauert sie die Jahrzehnte, auch wenn daneben bald nach dem Krieg Häuser wachsen, die Laster für den Bau des katholischen Gemeindesaals vorbeidonnern. 1982 erscheint dann ein Buch über die Tiengener Juden. Dessen Autor Dieter Petri ist selbst gebürtiger Tiengener des Jahrgangs 1939 und hatte einen Vater, der als Stadtrat den Nationalsozialisten angehörte. Das in Bruchstücken Gehörte ließ den Theologen und Gymnasialprofessor neugierig werden und verbliebene Spuren verfolgen. 1978 hält er zum 40. Jahrestag der »Reichskristallnacht« einen Vortrag und vier Jahre später hat er soviel Material aus Gesprächen mit Zeitzeugen und Archiven zusammengetragen, dass er es in Buchform publiziert. 1983 wird er dafür mit dem baden-württembergischen Förderpreis für Heimatforschung ausgezeichnet. Erstmals kann hier jeder lesen, was bislang nur noch wie ein Gerücht weiter erzählt worden war. Drei Schwarzweißbilder und zwei kurze Absätze rufen in die Erinnerung zurück, was dort am Seilerbergweg seit fast einem halben Jahrhundert verborgen ist. Zehn Jahre nach der Buchvorstellung treffen sich zwei Frauen, um am Platz vor der Synagoge eine Mahnwache abzuhalten. Zu ihren Forderungen an diesem 9. November gehört auch: »Die Mauer muss weg«. Regelmäßig jedes Jahr, wenn sie mit Kerzen, Gebeten und Liedern dort stehen, wiederholen sie ihre Forderung und erklären sich bereit, wenn es sein muss, die Steine mit eigenen Händen wieder zum jüdischen Friedhof zurück zu tragen. 1995 stößt dann Georg Lämmle, der Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Tiengen dazu und das gibt der Mahnwache Auftrieb. Jörg Allgeier, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Tiengen, schließt sich seinem Amtskollegen an. An die hundert Personen kommen schließlich 1998 zu der Gedenkveranstaltung, darunter Vertreter der Kirchengemeinden und der Stadtrat mit Oberbürgermeister Martin Albers. Es gibt eine Begegnung mit Kurt Guggenheim, der noch als Kind in Tiengen gelebt hatte, bevor die Nazis ihn und seine Familie vertrieben. Hinweise in den Veranstaltungskalendern und Informationen über die Gedenkveranstaltung erreichten damals eine breite Öffentlichkeit. Im letzten Jahr, ohne die offiziellen politischen Vertreter, waren es dann nach Schätzung von Teilnehmern vielleicht noch 50 Personen. Da war dann schon Ignaz Bubis in Tiengen, hatte mit Gymnasiasten diskutiert, den Friedhof besucht. Kontakte mit Überlebenden der einst aus dem Ort gejagten Juden wurden aufgenommen, die örtliche Kolpingjugend war in Israel zu Besuch. 1997 hatte der Gemeinderat im Stadthaushalt 80 000 Mark bereitgestellt, um die »Schandmauer« abzutragen und die Steine wieder an ihren Ursprungsort zurückzutransportieren. Später genehmigt er noch mehrere 10 000 Mark. In der Stadt heißt es aber immer wieder, mit dem Geld könne man doch Sinnvolleres anfangen. Doch 1998 ist es so weit. Auf dem städtischen Bauhof liegen die Grabsteinfragmente auf Holzpaletten, werden gesäubert und dokumentiert, 18 Meter Mauer sind abgetragen. In Zusammenarbeit mit dem israelitischen Oberrat entwerfen der Bildhauer Manfred Kieselbach und die Grafik-Designerin Riki Strassler das Modell für ein Denkmal, das die Steine wieder auf dem jüdischen Friedhof zurückbringen soll. Ihr Entwurf sieht vor, dass um einen festen Betonkern herum die Grabsteine angebracht werden. Außerdem ist eine Fläche für eine Gedenkinschrift frei gelassen. Deren Text hat die Rathausverwaltung mit dem israelitischen Oberrat abgestimmt. »Mögen ihre Seelen eingebunden sein in den Bund des Lebens« heißt es darauf, als er am 28. September 2000 vor den Kameras der Lokalpresse eingefügt wird. Spuren der früheren jüdischen Mitbürger sind noch heute in der Stadt zu entdecken. Am Kriegerdenkmal finden sich die Namen von Gefallenen und manches Haus in der Altstadt besitzt selbst heute an der Eingangstüre eine Vertiefung, in der nach jüdischem Brauch Segenssprüche eingefügt waren. Gasthäuser, Geschäfte, die koschere Metzgerei, das Frauenbad und die Reste der Synagoge, sie können selbst nach der Deportation der letzten Juden weiter im Stadtbild ausgemacht werden. Schwarzwälder Bote, 10. November 2000 | ||||||||